Leseprobe

Essenz 1 – Götterblut

Neujahr 2013

Daniel lehnte sich in das weiche Leder seines Sitzes und schloss die Augen. Ihm war bewusst, dass die anderen Passagiere des Linienfluges nach Paris ihn als ruhigen und ausgeglichenen Gentleman wahrnahmen, doch das war er in diesem Augenblick nicht. Noch war seine Seele unbefleckt, doch das würde sich schon sehr bald ändern, und es bereitete ihm ein größeres Unbehangen, als er vermutet hätte. Aber noch war die kleine Maschine der Air France nicht an ihrem Zielort gelandet.
Während die Flugbegleiterin ihre Ersatzbluse zuknöpfte, betrachtete Daniel die provisorische Küche der Boeing durch ihre Augen. Er nutzte die Fähigkeit der Gedankenspionage nicht gern, ganz egal in welcher Form und zu welchem Zweck, denn er respektierte die Privatsphäre der Menschen durchaus. Deshalb bemühte er sich ernsthaft, nicht zu tief in Sophies Bewusstsein einzutauchen. Leider war sie vollkommen ungeordnet; Sophies Libido spielte verrückt, und es gelang Daniel nicht, an der Oberfläche ihrer Kognition zu bleiben. Er bekam einen sehr viel intimeren Einblick, als ihm lieb war. Denn die Hauptrolle in Sophies derzeitigem Kopfkino spielte er. Daniel.
Fertig umgezogen wandte Sophie sich in der engen Bordküche um. Sie entdeckte eine Papierserviette auf dem Boden, bückte sich danach und verspürte einen kurzen aber heftigen Schwindelanfall. Sie hielt ihn für den Vorboten einer Migräne, aber Daniel wusste es besser.
So, wie der kleine Zwischenfall mit dem verschütteten Kaffee nur wenige Minuten zuvor nicht der Ungeschicklichkeit der alten Dame auf Sitz 3 zuzuschreiben war, so handelte es sich auch hierbei um ein Symptom des vermutlich schon pennygroßen Tumors, der in Sophies Großhirn Raum forderte, wo keiner war.
Die Koordinationsstörungen kamen noch nicht häufig und der Schwindel ebbte jedes Mal schnell ab. Vermutlich deshalb dachte sie gar nicht daran, einen Arzt aufzusuchen. Stattdessen dachte sie an ihn – an Daniel. Die Nummer 16, wie sie ihn insgeheim nannte, obwohl ein Blick auf die Passagierliste ihre Neugier gezähmt und seinen Namen offenbart hatte. Aber Sophie bevorzugte, ihn nach der Sitznummer zu nennen.

Sie griff nach einem Tablett und zog den Vorhang zurück, der die Küche von der ersten Klasse trennte. Keiner ihrer drei Passagiere hatte noch irgendetwas am Platz, was Sophie so kurz vor der Landung in Paris noch hätte abräumen können, und sie wusste das.
Auf viel zu hohen Absätzen und trotzdem effektvoll tänzelte sie über den Gang, vorbei an der alten Dame, deren erneute Bitte um einen Kaffee sie diesmal schlichtweg ignorierte. Sophie kam ohne Umwege zu ihm. Sie herbeizurufen, war nicht nötig.
„Kann ich noch irgendetwas für Sie tun, Monsieur Miller?“
Ihr Puls beschleunigte sich, als er ihr Zwinkern mit einem Lächeln beantwortete. Das fiel ihm zunehmend schwerer, weil ihre arglose Sympathie für Daniel ungefiltert auf ihn einhagelte und ihn beschämte. Er war nicht das unverfängliche Abenteuer, für das sie ihn hielt. Er war nicht einmal gleichaltrig. Und sie, zumindest ihm gegenüber, nicht annähernd ebenbürtig.
Das Klicken der Leuchttäfelchen über den Sitzen krachte in ihren Ohren wie ein Startschuss. Landeanflug. Anschnallpflicht.
Das kam Sophie offensichtlich gelegen. Sie beugte sich vor, so weit, dass ihre Lippen beinahe seine berührten. Ihr Knie schob sich sanft zwischen seine Beine.
Daniel achtete darauf, nicht zurückzuweichen, während er ihren Blick erwiderte. Drei Sekunden lang ließ er sie gewähren, dann schob er ihr ein Kärtchen in die Hand, die an seinem Hemd hinabglitt und befahl ihrem Unterbewusstsein freundlich aber bestimmt, sich zu mäßigen.
„Komm in einer Stunde zu dieser Adresse, dort wirst du mich finden.“
Selbstverständlich war das Kärtchen mit nichts bedruckt, und selbstverständlich bemerkte Sophie weder diesen Umstand noch die Tatsache, dass er ihr nur auf mentalem Wege einflüsterte, wo sie zu erscheinen hatte.
Als er ihre Gedanken ein letztes Mal kontrollierte, biss er die Zähne zusammen. Sophie freute sich auf die Fortsetzung dieser Begegnung, während er für den Bruchteil einer Sekunde darum betete, sie würde ihm einfach widerstehen.

Seit Jahrzehnten hatte Daniel größere räumliche Distanzen nicht mehr auf die gleiche Weise überwunden wie die Normalsterblichen; etwa durch konventionelles Reisen. Zwar hätte er über die dafür benötigte Zeit sogar im Überfluss verfügt, eine Notwendigkeit für diese Art des Fortkommens bestand für ihn aber nicht. Für gewöhnlich. Diesmal war es anders, deshalb musste er ausnahmsweise das Gedränge im Flughafengebäude hinnehmen, allerdings beabsichtigte er, diesen Zustand schnellstmöglich zu beenden.
Vor den vorbeiströmenden Reisenden verbarg er sich, indem er ihre Gedanken manipulierte und ihnen befahl, seine physische Präsenz zu übersehen. Den Funksendern der umliegenden Überwachungskameras schickte er einen kurzen mentalen Impuls, um die Übertragung zu stören, bevor er all die Teilchen, aus denen sein ungewandelter, übernatürlicher Körper bestand, auflöste und an einen anderen Ort teleportierte.

Das Apartment, in dem er sich schon im nächsten Augenblick rematerialisierte, war unbewohnt. Daniel ließ blickdichte Vorhänge vor den Fenstern entstehen, obwohl er nicht beabsichtigte, die Glühbirne zum Einsatz zu bringen, die in der Mitte des leeren Raums von der Decke hing. Seine Finger fühlten sich steif an, kalt und ungelenk, als er sich im Dunkeln an eines der bodentiefen Fenster stellte und durch einen Spalt zwischen der Gardine und der Wand auf die aufgeräumte Innenstadt von Paris herunterblickte.
Nichts erinnerte hier an den Jahreswechsel. Keine aufgeweichten Überreste verbrannter Feuerwerkskörper. Nur das Licht der Straßenlaternen, der Regen und die Nacht beherrschten das Bild der schlaftrunkenen Stadt. Er schob die Hände in die Hosentaschen und wartete, bis Sophies Taxi vor dem Haus hielt. Sie stieg aus, glättete den Rock ihrer Uniform und blickte zum Haus.
Da war es also, das Bauernopfer. ›Dritte Etage‹, flüsterte er stumm und steuerte die Information unmittelbar in Sophies Bewusstsein. Gleichzeitig entfernte er das Mädchen aus der Erinnerung des Fahrers.
Daniel befahl zuerst der Haustür aufzuspringen, dann der Wohnungstür. Mit jeder Etage, die Sophie erklomm, wurden ihre Schritte lauter. Der intensive Duft ihres Parfums stärker. Er würde sich noch eine Weile in der Luft halten, selbst nachdem Daniel das Mädchen fortgebracht hatte.
Er atmete durch, trat vom Fenster zurück und wandte sich um. An der Tür verstummten Sophies Schritte, sie blieb an der Schwelle stehen.
„Alors, Daniel… hier bin ich.“ Ihre Augen glitzerten. Sie trat ein. Und obwohl der Ort, an den er sie gelockt hatte, kaum ihren Vorstellungen entsprechen konnte, spürte er in ihr nur freudige Erwartung. Da war keine Angst vor der Dunkelheit.
Daniel rührte sich nicht, befahl jedoch der Tür, sich hinter Sophie zu schließen. Ohne jede Vorwarnung und mit der gleichen Willenskraft, mit der er alles andere befehligte, verlangsamte er ihren Puls und begann, ihren Lungen behutsam die Luft abzuschnüren, um eine Bewusstlosigkeit zu forcieren. Dann ließ er ihren Körper langsam auf den staubigen Boden sinken. Noch schlug ihr Herz.
Er trat näher und streckte die Hand aus. Das Smartphone in ihrer Umhängetasche gehorchte und erhob sich daraus. Es strebte seiner Hand entgegen, so als wäre es einverstanden mit der bevorstehenden Überprüfung, aber Daniel musste sich überwinden, um es aufzufangen.
›Sehr gut!‹ Seit ihrer Ankunft in der Stadt hatte Sophie weder telefoniert noch Mitteilungen verschickt. Dieser Umstand reduzierte die Gefahr möglicher Komplikationen. Daniel ließ seine Fingerabdrücke auf ihrem Telefon verwischen, während es lautlos durch die Luft in die Handtasche zurückschwebte. Als nächstes erhob sich das Blankokärtchen, mit dem Daniel Sophie während des Fluges den Anschein einer Adressangabe vermittelt hatte, aus der Tasche. Daniel steckte es ein.
Eine Weile stand er reglos da, dann ließ er sich langsam auf den Boden nieder, neben seines Opfers bewusstlosen Körper. Er zog die Beine an, stützte den Kopf auf seine Knie und wartete, bis der richtige Zeitpunkt schon beinahe verstrichen war. Erst dann erhob er sich.
Das Mädchen würde auch ohne Überwachung im derzeitigen Zustand verharren, während er den unzähligen Vorbereitungen der vergangenen Tage einige letzte, abschließende Maßnahmen hinzufügen musste. Davon hing alles ab.